Warum niemand nachts allein in diesem Büro im vierten Stock bleiben sollte. Ein gewöhnliches Bürogebäude mit einem seltsamen Ruf. Das Bürogebäude in der Lindenstraße wirkt auf den ersten Blick völlig unscheinbar. Zwischen moderneren Gebäuden steht dieser graue Betonbau wie ein Relikt aus einer anderen Zeit. Tagsüber betreten Angestellte mit Kaffeebechern das Gebäude, während sie am Abend müde wieder hinausgehen. Von außen betrachtet scheint hier also nichts Ungewöhnliches zu passieren.
Dennoch erzählen sich Mitarbeiter seit Jahren kleine Geschichten über diesen Ort. Manche behaupten, dass der Aufzug häufiger stecken bleibt als in anderen Gebäuden. Andere berichten von Lampen im Treppenhaus, die ohne erkennbaren Grund flackern.
Doch eine Sache wird besonders oft erwähnt.
Der vierte Stock.
Dort oben ist es angeblich kälter als im Rest des Hauses. Außerdem wirkt die Etage seltsam still. Einige Mitarbeiter machen Witze darüber, während andere das Thema sofort wechseln. Trotzdem gibt es eine Regel, die fast jeder kennt:
Nachts bleibt man dort besser nicht allein.
Jonas beginnt seinen neuen Job
Jonas hatte keine Ahnung von diesen Geschichten. Für ihn bedeutete der Job bei der Versicherungsagentur vor allem eines: einen Neuanfang.
Die letzten Jahre hatten ihn langsam, aber sicher zermürbt. Zuerst war seine Beziehung zerbrochen, obwohl er lange geglaubt hatte, dass sie alles überstehen würden. Danach verlor er auch noch seinen Arbeitsplatz. Was zunächst wie ein Rückschlag wirkte, entwickelte sich schließlich zu einer langen Phase aus Unsicherheit, schlaflosen Nächten und immer neuen Absagen.
Monatelang saß Jonas abends vor seinem Laptop und schrieb Bewerbungen. Jede Antwort hoffte er mit einem kleinen Rest Optimismus zu öffnen. Doch meistens bestand sie nur aus denselben höflichen Formulierungen, die ihm erklärten, dass man sich leider für jemand anderen entschieden hatte.
Mit der Zeit begann sich eine unangenehme Leere in seinem Alltag auszubreiten. Die Tage verschwammen miteinander, während die Nächte länger wurden. Manchmal lag Jonas wach im Bett und fragte sich, wann genau sein Leben aus der Spur geraten war.
Genau deshalb nahm er die neue Stelle sofort an.
Als die Zusage von der Versicherungsagentur kam, fühlte es sich fast wie eine Rettung an. Endlich wieder ein fester Arbeitsplatz, ein geregelter Alltag und ein Grund, morgens aufzustehen.
An einem kalten Montagmorgen im Oktober stand Jonas schließlich zum ersten Mal vor dem Bürogebäude. Der Himmel hing grau über der Stadt, während nasses Laub über den Parkplatz geweht wurde. Das Gebäude wirkte alt und etwas trostlos, doch Jonas achtete kaum darauf.
In diesem Moment sah er nur eine Chance.
Eine Möglichkeit, sein Leben wieder in Ordnung zu bringen.
Er atmete tief durch, richtete den Kragen seiner Jacke und ging auf den Eingang zu. Hinter dieser Tür wartete sein neuer Anfang.
Jonas konnte nicht wissen, dass genau dort etwas auf ihn wartete, das schon viel länger auf ihn gewartet hatte.
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Die Treppe zum vierten Stock
Im Empfangsbereich kontrollierte eine ältere Dame kurz seine Unterlagen. Anschließend sagte sie nur: „Vierter Stock. Büro 412.“
Gerade als Jonas zum Aufzug gehen wollte, fügte sie hinzu, dass dieser außer Betrieb sei.
Also nahm er die Treppe.
Im ersten Stock hörte Jonas noch deutlich Gespräche und Telefonklingeln. Im zweiten Stock wurde es bereits ruhiger. Im dritten Stock hörte er nur noch vereinzelte Tastaturen.
Als er schließlich die Tür zum vierten Stock öffnete, änderte sich die Atmosphäre spürbar.
Hier war es nicht nur ruhig.
Hier war es still.
Der Flur im vierten Stock
Der Flur war lang und schmal. Kalte Neonlampen summten an der Decke, während der Teppich deutlich älter aussah als in den anderen Etagen.
Ein paar Türen standen offen. Dahinter sah man Schreibtische, Computer und Aktenordner. Einige Mitarbeiter arbeiteten dort ganz normal.
Trotzdem hatte Jonas sofort ein seltsames Gefühl.
Es war dieses diffuse Empfinden, beobachtet zu werden, obwohl niemand hinsah.
Büro 412
Sein Büro war klein, aber ordentlich. Ein Schreibtisch stand vor dem Fenster, daneben befanden sich ein alter Aktenschrank und ein Computer.
Jonas setzte sich und begann mit seiner Arbeit.
Der Vormittag verlief zunächst ruhig. Er richtete Passwörter ein, las Akten und beantwortete erste E-Mails.
Doch kurz nach elf Uhr passierte etwas Merkwürdiges.
Das erste Flüstern
Während Jonas auf den Bildschirm sah, hörte er plötzlich eine leise Stimme direkt hinter sich.
„…hörst du mich…“
Er drehte sich sofort um.
Der Raum war leer.
Zuerst dachte er an ein Geräusch aus dem Flur. Schließlich arbeiteten mehrere Kollegen auf dieser Etage. Vielleicht hatte jemand telefoniert.
Doch wenige Minuten später hörte er die Stimme erneut.
Diesmal deutlich näher.
„…bleib…“
Gleichzeitig wurde die Luft hinter seinem Stuhl plötzlich eiskalt.
Eine Warnung in der Teeküche
In der Mittagspause traf Jonas eine Kollegin namens Petra in der Teeküche. Sie arbeitete offenbar schon lange in diesem Gebäude und wirkte ungewöhnlich ruhig.
Als Jonas vorsichtig erwähnte, dass er seltsame Geräusche gehört habe, sah Petra ihn lange an.
„Im vierten Stock sollte man nicht allem zuhören, was man hört“, sagte sie schließlich.
Danach wechselte sie sofort das Thema.
Kleine Dinge, die Jonas nicht erklären kann
In den nächsten Wochen passierten immer wieder merkwürdige Kleinigkeiten.
Manchmal glaubte Jonas, eine Bewegung im Spiegel seines Monitors zu sehen. Wenn er sich umdrehte, war jedoch niemand hinter ihm.
Ein anderes Mal hörte er im Flur Schritte, die genau seinem eigenen Tempo folgten. Außerdem fand er morgens mehrmals seine Schreibtischschublade geöffnet, obwohl er sie am Abend geschlossen hatte.
Hinzu kam ein seltsamer Geruch nach feuchter Erde, der plötzlich auftauchte und genauso schnell wieder verschwand.
Trotzdem sagte Jonas nichts.
Er wollte vernünftig bleiben.
Der Abend mit den Überstunden
Ende Oktober musste Jonas an einem Donnerstag länger bleiben. Draußen prasselte Regen gegen die Fenster, während die Kollegen nach und nach nach Hause gingen.
Kurz bevor Petra ging, blieb sie noch einmal an seiner Tür stehen.
„Wenn Sie jemanden Ihren Namen sagen hören“, sagte sie leise, „antworten Sie nicht.“
Jonas wollte nachfragen.
Doch Petra war bereits verschwunden.
Allein im Büro
Kurz nach acht war Jonas allein im vierten Stock. Die Neonröhren summten, während der Regen gegen die Scheiben schlug.
Zuerst arbeitete er konzentriert weiter.
Dann hörte er Schritte im Flur.
Langsam.
Ruhig.
Sie blieben direkt vor seiner Tür stehen.
Als Jonas öffnete, war der Flur leer.
Doch in diesem Moment flüsterte etwas direkt an seinem Ohr:
„Du bist geblieben.“
Die alte Akte
Vor Schreck ließ Jonas fast seinen Stuhl umfallen. Gleichzeitig bemerkte er, dass die Temperatur im Raum stark gesunken war.
Er wollte gerade gehen, als sein Blick auf den alten Aktenschrank fiel.
Im untersten Fach entdeckte er eine verstaubte Mappe.
Auf dem Deckblatt stand:
Zwischenfall – 4. Stock – 1993
Jonas öffnete sie.
Darin befanden sich alte Zeitungsartikel und Polizeiberichte. Drei Mitarbeiter waren damals nach Feierabend im vierten Stock geblieben.
Kurz darauf verschwanden sie spurlos.
Der Nachtwächter hatte später erklärt, dass er Schreie und mehrere Stimmen gehört habe.
Am Ende der Akte lag eine handschriftliche Notiz.
Sie bestand nur aus einem einzigen Satz.
Alle drei hörten Stimmen, die ihren Namen kannten.
Die Gestalt im Flur
Als Jonas aufsah, stand am Ende des Flurs eine Gestalt.
Sie war viel zu groß.
Ihre Arme wirkten unnatürlich lang.
Außerdem hielt sie den Kopf schief, als würde sie Jonas beobachten.
Plötzlich flackerte das Licht.
Als es wieder stabil brannte, war die Gestalt deutlich näher.
Stimmen aus der Dunkelheit
Im selben Moment hörte Jonas mehrere Stimmen.
„Hilf uns.“
„Wir kommen nicht raus.“
„Er ist noch hier.“
Panisch schlug Jonas die Tür zu.
Doch das Flüstern kam nun aus den Wänden.
Aus dem Heizkörper.
Aus dem Boden.
Und immer wieder hörte er seinen eigenen Namen.
Der Mann aus dem Jahr 1993
Plötzlich stand ein Mann hinter ihm.
Er trug einen grauen Anzug, der altmodisch wirkte. Sein Gesicht war bleich, während seine Augen wie dunkle Höhlen aussahen.
„Wir haben denselben Fehler gemacht“, sagte der Mann.
„Welchen Fehler?“, fragte Jonas.
Der Mann antwortete leise:
„Wir sind geblieben.“
Der wahre vierte Stock
Langsam begann sich das Büro zu verändern.
Die Möbel wirkten älter. Der Teppich sah anders aus. Außerdem roch die Luft plötzlich nach Rauch und feuchter Erde.
Im Flur erschienen weitere Gestalten.
Sie sahen aus wie Menschen, die schon viel zu lange an diesem Ort festhingen.
Der Mann im Anzug flüsterte:
„Das Gebäude hat es nicht erschaffen.“
Dann deutete er auf den Boden.
„Es war schon vorher hier.“
Der Horror hinter dem Büro
Der Teppich riss auf.
Darunter lag keine Betonplatte.
Darunter war Erde.
Dunkle, nasse Erde.
Und aus dieser Erde ragten Hände.
Jonas begreift die Wahrheit
Jetzt verstand Jonas endlich, dass der vierte Stock kein normaler Ort war.
Er war eine Falle.
Ein Raum, der Menschen festhielt.
Ein Raum, der Stimmen sammelte.
Die letzte Entscheidung
Die hohe Gestalt kam immer näher.
Im selben Moment hörte Jonas plötzlich die Stimme seiner Mutter aus dem Treppenhaus.
„Jonas, komm schnell.“
Doch seine Mutter war seit Jahren tot.
Petra erschien plötzlich im Flur.
„Wenn die Toten so klingen wie die, die du liebst“, sagte sie, „dann willst du sterben.“
Der Morgen danach
Am nächsten Morgen fand der Hausmeister Jonas bewusstlos im Treppenhaus.
Als Jonas später in sein Büro zurückkehrte, lag ein Ausdruck auf seinem Schreibtisch.
Darauf war ein Bild aus dem Flur zu sehen.
Jonas selbst lag auf den Treppenstufen.
Und hinter ihm stand eine große Gestalt.
Der vierte Stock endet nicht im Gebäude
Jonas kündigte wenige Tage später und verließ das Bürohaus in der Lindenstraße mit dem festen Vorsatz, niemals wieder dorthin zurückzukehren. Wochenlang versuchte er, das Erlebte zu verdrängen. Er suchte sich einen neuen Job, zog in eine andere Wohnung am anderen Ende der Stadt und redete sich ein, dass der Albtraum endlich vorbei sei.
Tatsächlich begann er nach und nach zu glauben, alles hinter sich gelassen zu haben. Der vierte Stock schien nur noch eine verstörende Erinnerung zu sein, die mit der Zeit verblassen würde. Doch genau darin lag sein Irrtum.
Der vierte Stock hatte ihn nicht vergessen.
Sechs Wochen später
An einem Dienstagabend saß Jonas allein in seiner neuen Wohnung. Draußen war es still, während im Hintergrund nur das leise Brummen der Heizung zu hören war. Gerade diese gewöhnliche Ruhe wirkte beruhigend, denn sie ließ den Abend völlig harmlos erscheinen.
Dann sprang plötzlich sein Drucker an.
Zuerst starrte Jonas nur auf das Gerät, weil er nichts zum Drucken abgeschickt hatte. Trotzdem wurde Papier eingezogen, und kurz darauf schob sich langsam ein einzelnes Blatt heraus. Mit klopfendem Herzen trat er näher, nahm es in die Hand und spürte schon in diesem Moment, dass etwas nicht stimmte.
Auf dem Ausdruck war ein langer Flur mit kaltem Neonlicht zu sehen.
Jonas erkannte ihn sofort.
Es war der vierte Stock.
Am Ende des Ganges stand die große, hager wirkende Gestalt. Doch diesmal war sie nicht allein. Vor ihr standen mehrere Menschen, die verwirrt und verloren wirkten, als wären sie gerade erst dort angekommen.
Unter dem Bild stand nur ein einziger Satz:
„Der vierte Stock ist wieder geöffnet.“
Das Geräusch hinter Jonas
Noch bevor Jonas den Ausdruck richtig begreifen konnte, spürte er plötzlich eine Bewegung hinter sich. Langsam drehte er den Kopf und blickte in den dunklen Flur seiner Wohnung. Zunächst war dort nichts zu sehen. Dann jedoch flackerte das Licht am Ende des Ganges.
Für einen kurzen, kalten Moment glaubte Jonas, dort eine Tür zu erkennen.
Eine Bürotür.
An ihr hing eine kleine Messingplakette.
Büro 412
Im selben Augenblick hörte er eine Stimme direkt hinter seinem Ohr.
Leise.
Beinahe vertraut.
„Willkommen zurück.“
Fortsetzung Folgt….